Die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern

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Aus:
Armenien Weekly, 11.August, 2011,

Ayse Gunaysu

Leugnung ist ein Hassverbrechen (Hate Crime) und der Diskurs der Leugnung ist Verbreitung von Hass (Hate Speech)

“ Es ist als würde ein allgemeiner  Geist  der Verwaisung über dem islamischen Viertel liegen. Trägheit, eine apathische Einstellung zum Leben ist das Wesen das unter den Moslems erscheint. Im Kontrast dazu, fühlt das Herz Fröhlichkeit wenn man das Viertel der Christen betritt: man findet ausgezeichnet gebaute Häuser, die das Interesse ihrer Eigentümer für das Leben bezeugen, ihrer wunderschönen Anlage und sauberen weiten Strassen. Im Kontrast zur Unbeweglichkeit der Moslems, sind die Christen immer in Bewegung. In dieser Hinsicht erfreuen sie sich viel mehr an den schönen Dingen des Lebens… Der Unterschied ist im Hinblick auf die Bildung noch viel auffälliger. Während die christlichen Bürger generell lesen und schreiben können, mehr oder weniger, liegen die Moslems sehr weit zurück.” (1)

Diese Worte schrieb Ahmet Serif – ein Ittihasistischer intellektueller, Journalist, Reisender und Regierungsangestellter der osmanischen Regierung – nach dem er Marsovan ( heute Merzifon in der Schwarzmeer Region der Türkei, besucht hatte; seine Reisenotitzen wurden in Tanin, einer dem Komitee der Einheit und des Fortschrittes (Committee of Union and Progress, CUP) nahestehenden Zeitung veröffentlicht. Es war das Jahr 1911 – vier Jahre bevor der erste “moderne” Völkermord der Welt unter einem sorgsam erdachten Plan in Gang gesetzt wurde.

Und was fühlte Ahmet Serif zu dem Bild, das er so lebendig zeichnete? “Von den Gesichtern der Schulmädchen und Schuljungen geht berstende Lebendigkeit und Vitalität aus. Lasst uns nicht lügen: ich fühlte keinerlei Bewunderung dafür sondern Neid. Ich wollte das nicht sehen. Männer kamen aus Amerika und von weiß ich wo her, und schufen in den aller abgelegensten Dörfern der Türkei Modelle der Zivilisation. Als Osmane traurig und beschämt, ging ich,” schrieb er nach seinem Besuch der amerikanischen Schule in der Ortschaft Hajin in Adana. (2) Es gab eine bedeutende armenische Bevölkerung in Hajin, und die Schule war von amerikanischen protestantischen Missionaren gegründet worden, wie viele andere im alten Armenien.

Für das ans Licht bringen dieser Zitate bin ich Hans-Lukas Kieser  sehr dankbar, dafür, dass er die ungeheuerlich offene, unverfroren offenherzige und rückhaltlos innige Bekenntnis des Hasses auf alles Gute zeigt , das nicht den osmanischen Moslems gehört.

Auch wenn ich gerade erst damit begonnen habe Ugur Umit Ungor und Mehmet Polatel`s grundlegende Arbeit “Beschlagnahme und Zerstörung” ( Confiscation and Destruction), das sich mit der Plünderung armenischen Besitzes während und nach dem Völkermord befasst, zu lesen , bin ich bereits etlichen Verweisen auf solchen ausgedrückten Neid begegnet. Ungor und Polatel zitieren Joseph Pomiankowski (1866-1929), den habsburgischen Militär Attache, der während des I. Weltkrieges  im osmanischen Reich diente. “ Er notierte voller Ironie, dass, nachdem die Jungtürken herausgefunden hatten, dass die Armenier sich “bereichert” hatten, ihr Diskurs zu einer “gewalttätigen Vertreibung der Griechen und Armenier aus allen Berufen die eine Möglichkeit des Erwerbs und der Bereicherung boten, führte,” schreiben sie. “Pomiankowski hatte sehr klar gesehen, “dass die Türken auf die blühenden Siedlungen der Armenier in Ost Anatolien und Cicilia mit Neid und Wut sahen, zu denen im Vergleich die Häuser der Moslems ein Bild von Armut und Erbärmlichkeit bilden.”(3)

Um den Preis vom Thema abzuweichen, kann ich nicht anders als daran zu erinnern, das die türkischen Linken immer predigten, dass der Imperialismus für die wirtschaftliche und soziale Rückständigkeit der Türkei verantwortlich sei. Das ist eine Prämisse, die von nahezu allen Teilen der türkischen Gesellschaft geteilt wird, von den Sozialisten zu den Nationalisten und den Anwälten der türkisch islamischen Synthese. Die Mehrheit der türkischen Inteligenzia und der Linken, hat aber nie eine Verbindung zwischen der türkischen Unterentwicklung und der Zerstörung einer neu erblühenden Handels Bourgeoisie , die sich letztlich  in eine industrielle Bourgeoisie transformiert hätte und die durch Akkumulation von Kapital den Grundstock einer mehr oder weniger gesunden kapitalistischen Entwicklung generiert  und die vorkapitalistischen Entwicklungshindernisse  überwunden hätte. Anderen als sich selbst die Schuld zu geben ist immer bequemer, entlastend und ungefährlich.

Ungor und Polatel nennen das Ausmaß der Zerstörung der armenischen Wirtschaftskraft wie folgt: “In diesem Prozess der Verfolgung war das ethnisch heterogene osmanische ökonomische Universum umfassenden und gewaltsamen Formen ethnischer Homogenisierung unterworfen. Die Verteilung des armenischen Vermögens war in diesem Prozess ein zentraler Bestandteil. Der Völkermord  zerriss und zerstückelte das Geflecht städtischer,  provinzialer und nationaler Wirtschaft, zerstörte Handels- beziehungen und verstümmelte ökonomische Muster, die viele Jahrhunderte im Reich überdauert hatten”.(4)

Um nur einige Zahlen zu geben, die den Leser daran erinnern, was die Vernichtung der christlichen Händler und Geschäftsleute für die Nationalökonomie des Osmanischen Reiches bedeutete, mochte ich einmal mehr aus “Beschlagnahmung und Zerstörung” zitieren: “ Der Binnenhandel war im Osten hauptsächlich armenisch ( und griechisch im Westen), auch wenn die Türken ebenfalls im Binnenhandel involviert waren. Im Jahr 1884 z.B. waren von den 110 Händlern in der nord-östlichen Provinzhauptstadt Trabzon, einer für den binnen und internationalen Handel vitalen Hafenstadt, 40 Armenier und 42 pontische Griechen. Nach einer Studie von 1913 über Anatolien, von armenischen Parlamentariern und dem Autor Krikor Zohrab, waren von den 166 Importeuren 141 Armenier und 13 Türken. Von den 9800 Ladenbesitzern und Handwerkern waren 6800 Armenier und 2550 Türken, von den 153 Exporteuren waren 127 Armenier und 23 Türken, von den 153 Industriellen waren 130 Armenier und 20 Türken und schließlich waren von den 37 Bankiers 32 Armenier. In den sechs östlichen Provinzen übten armenische 32 Geldverleiher ihr Geschäft aus gegenüber fünf türkischen. Am Vorabend des Völkermordes, zu Beginn des Jahres 1915, gehörten von den 264 osmanischen Industrieunternehmen nur 42 Moslems und 172 Nicht Moslems.” (5)

Allein diese Zahlen belegen das Ausmaß ökonomischer Zerstörung, das  von der osmanischen Regierung vorsätzlich ausgeführt wurde , die Entwicklung des Landes ein Jahrhundert zurück warf  -ein Faktum, das von den hitzigen Gegnern des Imperialismus in der Türkei übersehen wird die natürlich gegen den Nationalismus sind, aber unfähig über den Horizont des türkischen Nationalismus hinauszusehen.

Nun kehren wir nach Marsovan zurück, nur vier Jahre nach dem Ahmet Serif seinen Neid auf das armenische Leben dort bekannte, waren die Armenier von Marsovan ausgelöscht und ihr Besitz geplündert. Nichts war übrig geblieben worauf Ahmet Serif  neidisch sein konnte. Der Islam regierte überall.

Die Ausrottung der Armenier von Marsovan – der Hälfte der Gesamtbevölkerung  von 25000 im Jahr 1915 – begann Anfang Mai mit Durchsuchungen nach Waffen, begleitet von Verhaftungen und Folter. “Am Samstag dem 26. Juni, gegen 13 Uhr, gingen die Soldaten durch die Stadt und versammelten alle armenischen Männer die sie finden konnten – alte und junge, reiche und arme, kranke und gesunde. In manchen Fällen wurden die Häuser aufgebrochen und kranke Männer aus den Betten gezerrt. Sie wurden in den Kasernen interniert und während der nächsten Tage in Gruppen von dreißig bis einhundertundfünfzig in Richtung Amasia geschickt. Sie wurden zu Fuß geschickt und vielen wurden die Schuhe und andere Kleidungsstücke geraubt. Einige waren in Ketten.”(6) Am 3. Oder 4. Juli wurden die Frauen und Kinder aufgefordert sich auf ihr Verlassen am folgenden Mittwoch vorzubereiten. Aber es ging noch früher los. Am Dienstag, gegen 3 Uhr Früh wurde den Menschen befohlen sofort loszugehen. “ Einige wurden aus den Betten gezerrt sogar ohne hinreichende Kleidung.” Die Deportationen setzten sich in Interwallen über etwa zwei Wochen fort. Es wurde geschätzt, dass von den insgesamt etwa 12 000  nur wenige hundert Armenier augelassen wurden. Auch die armenischen Schülerinnen, Lehrer und Angestellten des amerikanischen Colleges wurden fortgebracht. Der Großteil der Deportierten wurde auf dem Weg nach Amasya kurz nach dem Aufbruch massakriert.

Das was Ahmet Serif gleichzeitig bewunderte und hasste, wurde zerstört, das Eigentum wechselte  den Besitzer. Die Objekte des Neides waren am Ende ihre. “In Merzifon wurden die Häuser der deportierten Armenier von Angestellten des Osmanischen Reiches besetzt. Die Möbel wurden häufig gestohlen um sowohl Privathäuser wie auch Regierungsgebäude einzurichten. So weit die Kommission für verlassenes Eigentum ordentlich funktionierte, wurden nicht geplünderte Möbel in der armenischen Kirche gelagert. Die gewöhnlichen Alltagsgegenstände wurden auf einen freien Platz geworfen und für Spottpreise versteigert.”(7)

Natürlich brauchen wir kein Gesetzeswerk um zu erkennen, dass die Leugnung ein Hassverbrechen ist und der Diskurs der Leugnung Volksverhetzung, aber dennoch erinnern wir daran, was die europäische Union, an deren Türen die Türkei seit Jahren anklopft, außer sich über den Mangel an Gastfreundlichkeit auf der Seite des Gastgebers, zum Thema Hass Reden und Hassverbrechen niedergelegt hat. Im Jahr 2009 veröffentlichte der europäische Rat das “Handbuch zu Hassreden” von Anne Weber. Das Ziel des Handbuches war “ das Konzept der Hass Rede zu verdeutlichen und Entscheidungsträger, Experten und die Gesellschaft als ganze, nach den Kriterien denen der europäische Gerichtshofes für Menschenrechte in seiner  der Rechtssprechung zum Recht auf freie Meinungsäußerung folgt,  anzuleiten” und es sollten keine Ausnahmen  innerhalb dieser Regeln zum Recht auf freie Meinungsäußerung erwogen werden.  Damit bezieht sich das Handbuch auf die Empfehlung No.7 , herausgegeben von der europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) bezüglich der Empfehlungen der nationalen Gesetzgebungen der Mitglieder des europäischen Rates (dessen Mitglied die Türkei ist) zum Kampf gegen Rassismus und Intoleranz. “Öffentliche Äußerungen, mit rassistischen Zielen, einer rassistischen Ideologie, oder öffentliches Leugnen von Verbrechen des Völkermordes oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Kriegsverbrechen mit rassistischer Zielsetzung , sollte vom Gesetz her unter Strafen stehen,” … der Bezug auf Empfehlung No.7 wird im Handbuch zum Artikel 4 des Vorschlags zu einem Entwurf einer  Richtlinienentscheidung des Rates zur Bekämpfung von Rassismus und Xenophobie hergestellt, in dem vorsätzlich begangene Taten als strafbare Vergehen aufgelistet  sind. Eines dieser Vergehen lautet “ öffentliche Billigung von rassistisch oder xenophob bestimmten Völkermordverbrechen , Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen wie sie in Artikel 6, 7 und 8 im Statut des internationalen Gerichtshofes definiert sind.” (8)

Nun, solch ein strafbares Verbrechen begegnet einem im Tag täglichen Leben in der Türkei – in der Schule, auf den Strassen, in den mainstream Fernsehsendern und Tageszeitungen, von reputierlichen Professoren, allseits bekannten Journalisten, Historikern, Politikern und sogar Parlamentariern. Beispiele dafür zu geben, wäre ein Thema für einen weiteren Artikel.

Völkermord ist nicht nur das Morden, ist nicht nur das Plündern, ist nicht nur das Vergewaltigen; es ist auch die Verdammung zum Tod durch unvorstellbar unmenschliche Bedingungen, und gezwungen zu sein diese Verdammung mitzuerleben. Hier ist ein Bericht eines Augenzeugen in Aleppo, eines der Bestimmungsorte für die Deportierten: “Man sieht sie in Aleppo auf Stücken von Ödland, in alten Gebäuden, Höfen und Gassen und ihr Zustand ist einfach unbeschreiblich. Sie sind vollständig ohne Nahrungsmittel und sterben am Hunger. Wenn man diese Orte sieht, wo sie leben, dann sieht man nur eine zusammengekauerte Masse Sterbender und Toter. Alles durcheinander mit abgelegten, zerlumpten Kleidungsstücken, Abfall und menschlichen Exkrementen und es ist unmöglich irgendeinen herauszusuchen und als lebenden Menschen zu beschreiben. Eine Anzahl von Karren fuhren durch die Strassen, suchten nach Leichen und es war ein normaler Anblick einen der Karren mit bis zu zehn oder zwölf Leichen beladen zu sehen, alle entsetzlich abgemagert.”(9)


Das waren die Menschen die Ahmet Serif bewundert, beneidet und gehasst hatte – für ihre Gesichter die “ vor Leben und Energie strahlten “ und von ihrer Fähigkeit die “guten Dinge des Lebens mehr” zu genießen.

Die Leugnung dessen was ihnen geschah ist ein Hassverbrechen und jedes Wort, das dazu dient das Verbrechen kleinzureden ist Hass Rede.

1. Hans-Lukas Kieser, Nearest East–American Millennialism and Mission to the Middle East, Temple University Press, Philadelphia, Pa., 2010, p. 77. The quotation is from Tanin, July 27, 1911; transliterated ed., Ahmet Şerif, Tanin, ed. Mehmed Ç. Börekçi (Ankara, Turkey: TTK, 1999), vol. 1, 257-58, “A Turkish Correspondent’s Views” in the Orient (April 27, 1910).

2. Kieser, Nearest East, pp. 76-77. Serif, Tanin, vol. 1, 186-87.

3. Ugur Umit Ungor and Mehmet Polatel, Confiscation and Destruction: The Young Turk Seizure of Armenian Property, Continuum International Publishing Group, London, New York, 2011, p.26.

4. ibid., preface, p. X.

5. ibid., pp. 18-19.

6. Toynbee and Bryce, The Treatment of Armenians in the Ottoman Empire, 1915-1916, ed., Ara Sarafian, Gomidas Institute, 2005. “Marsovan: Narrative of the Principal of the College at Marsovan,” communicated by the American Committee for Armenian and Syrian Relief, p. 354.

7. Ungor and Polatel, p. 26.

8. See http://book.coe.int/ftp/3342.pdf.

9. Toynbee and Bryce, p. 559.

http://www.armenian-genocide.org/1915-3.html

Weiterführende Links:

http://www.genocide-museum.am/eng/pre-genocide_photos_05.php

http://www.armenian-genocide.org/1915-3.html

 

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